Diabulimie: Raus aus dem Teufelskreis

Messen, spritzen, rechnen. Wenn Kinder die Diagnose Typ-1-Diabetes erhalten, ist das eine gewaltige Umstellung. Ist der Alltag von einem geregelten Tagesablauf bestimmt, gelingt es eher, den neuen Gefährten zu akzeptieren und gut damit umzugehen. Bis zur Pubertät.

Diabulimie:
Raus aus dem Teufelskreis

© Privat

Jeder pubertiert anders. Die einen früher, die anderen später. Eher still und unbemerkt oder aber spürbar und mit allerlei Grenzerfahrungen. Während der Pubertät gleicht das Gehirn einer Großbaustelle. Im Frontalhirn, dort wo Handlungen geplant, Folgen abgeschätzt und Emotionen reguliert werden, herrscht Durcheinander. »Das ist wie ein Rauschen«, sagt der Hirnforscher Gerald Hüther. Das eigene Verhalten lasse sich nicht mehr so gut kontrollieren, man benehme sich kopflos. Eines ist klar: Wo ein regelmäßiger Tagesablauf mit Disziplin nötig ist, um zum Beispiel Blutzuckerwerte stabil zu halten, kann die Pubertät nur stören.

Kommentare zum Körpergewicht
Als Typ-1-Diabetiker wird man regelmäßig beim Arzt gewogen. Nicht selten geht die erste Zeit nach der Diagnose mit einer Gewichtszunahme einher. So wie bei Lisa Schütte. In der Pubertät hatte sie nachts schwere Unterzuckerungen und nahm durch vorsorgliches Essen eine Menge zu. „Du nimmst zu viel und zu schnell zu“, so der sich wiederholende Diabetologe. Für Lisa frustrierend und demotivierend. Nicht selten entwickeln junge Mädchen Zwänge, Essstörungen oder Depressionen. Lisa Schütte zog sich zurück. „Alle in meiner Familie sind sportlich und schlank“, erzählt sie. „Ich fiel da irgendwann aus dem Rahmen.“ Die gut gemeinten Aufforderungen, doch auch mehr Sport zu treiben, liefen ins Leere. Mehr noch: Sie nervten und führten zum Gegenteil. „Ich begann den Diabetes zu verfluchen und jahrelang zu ignorieren“, schreibt die junge Frau in ihrem Blog. Eine zeitlang habe sie gar nicht gemessen und nur hin und wieder mal ein paar Einheiten gespritzt. Der Mutter wurde ausgewichen, die Werte gefälscht. Auch die Therapeutin, zu der die Eltern sie schickten, erfuhr von Lisa nicht viel. Die meiste Zeit, erinnert sie sich, habe sie geschwiegen.

Lebensgefährliche Manipulation
War das Auslassen von Insulininjektionen während der Pubertät eher eine Trotzreaktion nach dem Motto „Kein Bock auf Bolus“, wurde das sogenannte Insulin-Purging später zur bewussten Maßnahme, um Gewicht zu verlieren oder nicht zuzunehmen. Ohne sich bewusst zu werden, was es wirklich bedeutet, war Lisa Schütte, die inzwischen 200 Kilometer von zu Hause entfernt studierte, in die Diabulimie gerutscht. „Man geht derzeit davon aus, dass etwa jede dritte junge Frau mit Typ-1-Diabetes ein solches Risikoverhalten an den Tag legt, war 2016 in der Ärztezeitung zu lesen. Auch auf der DDG-Tagung im letzten November war die Diabulimie ein Thema. Während Bulimie heute längst kein Fremdwort mehr ist, scheint der Begriff Diabulimie aber häufig nur fragende Blicke zu erzeugen. Auch bei Ärzten. Eine Erfahrung, die auch Lisa machte, als sie für einen Artikel in der lokalen Zeitung recherchierte. Nur mit Mühe fand sie einen Diabetologen, der bereit war, Fragen hierzu zu beantworten. Es wird wohl damit zusammenhängen, dass es kaum jemanden gibt, der mit seiner Diabulimie in die Öffentlichkeit geht. Genau das tut Lisa Schütte. Seit 2014 mit ihrem Blog Lisabetes.de. Die Entscheidung zu bloggen, traf die junge Frau, nachdem sie 2013 im ketoazidotischen Koma gelandet war und fast zwei Wochen auf der Intensivstation verbracht hatte. Bulimie bei Diabetes hat ganz unterschiedliche Gesichter. Es gibt Mädchen und Frauen, die nach Essattacken gezieltes Erbrechen herbeiführen und/oder Insulin- Purging betreiben, also bewusst das lebensnotwendige Spritzen von Insulin unterlassen. Auslöser sind insbesondere emotionale Faktoren, psychischer Stress, Unzufriedenheit mit der eigenen Person oder starke Gefühle von Verlassenheit. Zwischen zwei Ess-Brech-Attacken können Wochen liegen, sie können aber auch mehrmals täglich erfolgen. Gut fühlt sich niemand dabei. Das schlechte Gewissen ist ein ständiger Begleiter. „Man muss nicht wie ich im ketoazidotischen Koma landen, um körperliche Probleme zu bekommen,“ schreibt Lisa Schütte in ihrem Blog. Ein länger erhöhter HbA1c steigert das Risiko für vielerlei Auswirkungen: Schäden an Nieren, Augen und Nerven können die Folge sein. Im schlimmsten Fall kann es zur Erblindung oder Amputation kommen. Auch Haut und Haare, Fingernägel und Zähne werden in Mitleidenschaft gezogen. Nicht zuletzt wird das Herz belastet. Ist es das wert? Nein, meint die junge Bloggerin, die offen und ehrlich über ihren Alltag mit Typ-1-Diabetes und ihren Kampf gegen die Diabulimie schreibt.

Es ist ein langer Weg
Die Frauen, die Lisa schreiben, haben – sofern die Diabulimie bereits zurückliegt – ausnahmslos holprige Strecken hinter sich. Wege, die gekennzeichnet sind von Höhen und Tiefen und Rückschlägen. Lisa Schütte ist inzwischen 27 Jahre alt. Sie studiert Germanistik und Geschichte. Bis zum Abschluss fehlt nur noch ein Semester. Kürzlich ist Lisa mit ihrem Freund zusammengezogen. Und sie geht wieder zu einer Psy chologin. Diesmal aus freien Stücken und um zu reden. Es hilft ihr. Ebenso wie der Sport, den sie in ihr Leben integriert hat. Weil sie spürt, dass es ihr gut tut. Dass sie das Thema Diabulimie hinter sich gelassen habe, würde sie so noch nicht unterschreiben. Aber sie ist auf dem richtigen Weg. Der Link zu Lisas Blog:
www.lisabetes.de

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