Beeinflusst das Immunsystem: Die Vielfalt und Zusammensetzung der Bakterien im Darm.

„Die Bakteriengemeinschaft im Darm, das so genannte Mikrobiom, spielt eine wesentliche Rolle bei der Immunabwehr. Gibt es einen Zusammenhang mit der Entstehung von Typ-1-Diabetes?“

Die Vielfalt und
Zusammensetzung der Bakterien im Darm

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Prof. Dr. med. Ludwig Schaaf, Oberarzt an München Klinik, Klinik für Endokrinologie, Diabetologie, Suchtmedizin in Schwabing

Prof. Ludwig Schaaf: Die Ursache für Typ-1-Diabetes ist eine Fehlregulation des Immunsystems, die dazu führt, dass die Beta- Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört werden. Wir sprechen hier von einer Autoimmunerkrankung. Der Darm ist ein wichtiger Teil unseres Immunsystems und man hat herausgefunden, dass Veränderungen der Bakteriengemeinschaft im Darm bestimmten Erkrankungen vorausgehen. So auch bei Typ-1-Diabetes. Die Forschung steckt noch in den Anfängen, aber in Studien, die das Mikrobiom von Kindern mit erhöhtem Risiko für Typ-1-Diabetes untersucht hatten, fiel folgendes auf: Bei Kindern, die per Kaiserschnitt zur Welt kamen und nicht gestillt wurden, war die Vielfalt der Darmbakterien geringer als bei Gleichaltrigen, die den Geburtskanal passiert und vom Stillen profitiert hatten. Wahrscheinlich ist bei Letzteren das Risiko zu erkranken, niedriger.

„Was kann man selbst für ein ausgeglichenes Mikrobiom tun?“

Prof. Schaaf: Grundsätzlich ist der westlichen fett- und zuckerreichen Ernährung eine ballaststoffreiche, fettarme Kost mit Gemüse vorzuziehen. Bei Kindern mit Typ-1-Diabetes ist das Gleichgewicht der Bakterien im Darm gestört: Sie weisen beispielsweise einen höheren Anteil an sogenannten Firmicutes-Bakterien auf. Im Übermaß sind diese Bakterien mit einem erhöhten Risiko für Übergewicht und Entzündungen verbunden, was Erkrankungen wie Diabetes fördern kann. Über die Ernährung lässt sich Einfluss nehmen: Während Ballaststoffe den „nützlichen“ Bakterien als Nahrungsgrundlage dienen, fördern schlechte Fette, Weißmehl, Zucker und einige Süßstoffe die Vermehrung der „schlechten“ Bakterien, die die Grundlage für entzündliche Prozesse schaffen.

„Kann man mit Hilfe von Darmsanierung und Probiotika, also Bakterienkulturen, ein gesundes Mikrobiom fördern?“

Prof. Schaaf: Es wäre verfrüht, festzulegen, was genau ein „gesundes“ Mikrobiom ist. Die Variabilität von Mensch zu Mensch ist zu groß, die Zahl der untersuchten Fälle zu klein. Grundsätzlich sollte eine ausgewogene Ernährung genügen, um ein gutes Gleichgewicht im Darm herzustellen. Probiotika, die effektiv die guten Bakterienstämme fördern, sind zum Beispiel in fermentierten Milchprodukten oder Sauerkraut enthalten. Wer nach einer Darmsanierung – bei der der Darm gereinigt und die Darmflora neu aufgebaut wird – nicht langfristig seine Ernährung umstellt, läuft Gefahr, dass die schädlichen Bakterien erneut überhand nehmen.

„Könnten die Erkenntnisse der Mikrobiom- Forschung dazu beitragen, neue Ansätze zur Vorbeugung und Therapie der Erkrankung zu entwickeln?“

Prof. Schaaf: Die Erkenntnis, dass weit vor der Diabetes-Diagnose die nützlichen Bakterien ab- und die schädlichen zunehmen, führte zur Überlegung, ob durch eine vorbeugende Stärkung des Mikrobioms Einfluss zu nehmen sei. Ich denke, dass dies allein zu kurz gedacht wäre, dafür ist die Entstehung von Diabetes zu komplex. Hierzu werden wir in den nächsten Jahren hoffentlich weitere wertvolle Erkenntnisse gewinnen.

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