Diabetes Typ 1 und Freundschaft

Was bedeutet die Diagnose für eine Freundschaft?

Irgendwann kam dieser Tag, an dem ein kleiner Piks in den Finger alles veränderte. Denn auf diesen Piks folgten ein viel zu hoher, gemessener Blutzuckerwert und dann die Diagnose Typ-1-Diabetes. Plötzlich war alles anders – und das was noch nicht anders war, würde anders werden.

Was bedeutet die Diagnose für eine Freundschaft?

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Zum Zeitpunkt meiner Typ-1-Diabetes-Diagnose war ich 17 Jahre alt. Und obwohl mein Freundeskreis nicht riesengroß und ich sehr schüchtern und introvertiert war, hatte ich Personen, mit denen ich über alles reden konnte. Zumindest über alles, was bis dahin eine Rolle spielte. Ich hatte Freund*innen, mit denen ich über gemeinsame Lieblingsbands quatschen konnte, ich hatte Freund*innen, mit denen ich über Jungs lästerte, ich hatte Freund*innen, mit denen Pferde das Hauptthema waren, und ich hatte das Glück, so gute Freund*innen zu haben, dass ich auch jemanden hatte, dem ich von der Scheidung meiner Eltern erzählen konnte. Worüber ich mir bis dahin keine Gedanken machen musste, waren Freundschaften, bei denen Typ-1-Diabetes eine Rolle spielen sollte.

„Ich muss dir was Wichtiges erzählen!“ - Das Diabetes-Outing
In der Pubertät waren ernste Unterhaltungen im Nachhinein betrachtet selten wirklich „ernst“ und deren Inhalt kaum so „lebenswichtig“, wie vorher angekündigt. Doch dann kam das Gespräch, an dem ich meine beste Freundin über meine Typ-1-Diabetes-Diagnose aufklären musste. Ich erinnere mich nicht mehr an meinen Wortlaut. Ich weiß nicht, was genau ich sagte, wie ich die Dinge benannte, wie sehr ich ins Detail ging und wie weit ich selbst überhaupt über alle Ausmaße Bescheid wusste. Aber ich erinnere mich an ihre Antwort: „Ich dachte schon, es wäre etwas richtig Schlimmes.“ Und da war der nächste Piks, der alles veränderte. Nur dieses Mal nicht in den Finger, sondern ins Herz. Wir sind bis heute eng befreundet. Der Diabetes hat nie irgendetwas an unserer Freundschaft verändert. Es gab keine Hypo- oder Hyperglykämie, die nicht gemeinsam durchgestanden werden konnte und nie eine Situation, in der ich wegen des Diabetes von ihr anders behandelt oder gar ausgeschlossen wurde. Und trotzdem war ab dem Moment meines „Outings“ klar, dass dies nicht die Freundschaft sein würde, in der Verständnis für Typ-1-Diabetes eine weitere Ebene für uns bilden kann. Diese Ebene fand ich in keiner bis dato bestehenden Freundschaft und auch nicht in Freundschaften, die ich zu späteren Zeitpunkten mit Menschen ohne Diabetes schloss.

Niemand kann etwas dafür
So sehr ich mir auch manchmal wünschte, dass diese oder jene Person nachvollziehen könnte, wie es mir mit meinem Typ-1-Diabes geht und so enttäuscht ich sogar hin und wieder war, dass es nicht so war – Irgendwann verstand ich: Niemand kann etwas dafür! Wie soll jemand, dessen Bauchspeicheldrüse fehlerfrei funktioniert denn auch nachfühlen können, wie es anders ist? Das heißt ja nicht, dass all die anderen Gespräche und gemeinsamen Erlebnisse weniger wert sind. Nur für den Diabetes-Part im Leben braucht es – meiner Meinung nach – Freunde, die wissen, wie sich der aller erste Piks in den Finger anfühlte, nach dem dann alles anders wurde.

Text: Katharina Weirauch

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