Die Diabetes-Freundschaft – besonders und ganz normal

Ich habe lange von dem Idealbild einer „besten Freundin“ geträumt. Wie in amerikanischen TV-Serien dargestellt, wollte ich diese eine Person, die alle Erfahrungen und Gefühle mit mir teilt, mit der ich mir die Haare flechte und Mädchen-Klischees erfülle.

Ein ganz besonderes Ehrenamt Pate auf Zeit

© iStock/AntonioGuillem

Aber irgendwann habe auch ich verstanden, dass nicht ein Mensch alle Freundschaftsbedürfnisse abdecken kann – und das auch gar nicht muss. Und darum habe ich inzwischen auch Freundschaften, in denen es speziell um Diabetes geht.

Auch bei Diabetes-Freundschaften – wenn man sie denn überhaupt so nennen möchte - gibt es natürlich Unterschiede. Trotzdem finde ich, fühlt es sich anders an, wenn man weiß, dass die befreundete Person bestimmte Dinge besser versteht, als jemand ohne Diabetes.

Ich habe Freund*innen mit Diabetes, mit denen ich mich zu mehr als 90% nur über unsere gemeinsame Stoffwechselkrankheit unterhalte. Im Zweifel kontaktieren wir uns tatsächlich nur gegenseitig, wenn wir uns über stundenlange Werte über 300 mg/dL auskotzen oder unsere Freude über eine hohe Time In Range austauschen möchten. Und egal, wie selten wir miteinander sprechen, es ist eine innige Freundschaft, weil wir im psychischen oder physischen Notfall jemanden haben, der da ist und die Probleme nachvollziehen kann.

Andere Freundschaften, die ich mit Menschen mit Diabetes aufgebaut habe, gehen um viel mehr als um die Erkrankung. Obwohl sie präsent ist, weil wir vielleicht Gewebezuckerverläufe miteinander teilen oder uns von Terminen beim Quartalscheck erzählen, geht es zugleich auch um andere Interessen, die wir teilen.

Und ganz neu für mich: Eine Freundin mit Diabetes – die ich auch nur über ihren Diabetes kennengelernt habe – mit der ich nie über den Diabetes spreche. Manchmal frage ich mich, ob sie wartet, dass ich das Thema aktiv anschneide. Oder ob sich ihr Leben einfach wirklich so viel weniger um die Krankheit dreht als bei mir? So blöd es klingt: Ich finde diese Situation richtig spannend. Weil ich mir nicht sicher bin, ob ich es schaffe, den Diabetes mal so in den Hintergrund rücken zu lassen, obwohl es sich so sehr anbietet, darüber zu reden.

Eine große Rolle bei diesen Freundschaften spielt für mich meine allererste Diabetes-Freundin. Vielleicht ist es da ähnlich wie mit der ersten besten Freundin aus dem Kindergarten – daran hat man einfach besondere Erinnerungen. Und ich möchte mich an dieser Stelle dafür bedanken, dass diese Erfahrung der Freundschaft so positiv war, dass ich bereit war, mich auch anderen Menschen mit Diabetes zu öffnen. Es gab dabei so viele erste Male für mich. Das erste Mal sehen, wie jemand anderes – eine Person, die ich mag – ihren Blutzucker misst. Es war das erste Mal, dass mich ein fremder Blutzuckerwert interessierte und ich erlebte auch zum ersten Mal, wie es sich anfühlt, wenn ein Mensch mit Diabetes einen viel zu hohen oder niedrigen Blutzucker hat und ich rein gar nichts unternehmen konnte. Das waren so viele neue Erfahrungen. Aber am prägendsten wird immer bleiben, dass diese Freundin mir gezeigt hat, wie es sich anfühlt, zum ersten Mal verstanden zu werden – wie eine richtig gute Umarmung, eine Menge Kuchen und Meeresluft am Morgen.

Katharina Weirauch

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