Mit CGM und Insulinpumpe auf dem Jakobsweg

15 000 Schritte täglich – für Dorothee Tönjes ist das eigentlich normaler Alltag. Die rund 280 Kilometer zwischen Porto und Santiago de Compostela aber nahm die sportliche Tierärztin dennoch nicht auf die leichte Schulter: Was, wenn sie sich überschätzt? Wenn Pumpe und CGM nicht funktionieren? Wenn sie mitten im Nichts unterzuckert? Heute sagt sie: Jederzeit wieder.

Mit CGM und Insulinpumpe auf dem Jakobsweg

Bild: privat

Es sei ihre Neugier auf Land und Leute, die sie angetrieben hätte, und natürlich die sportliche Herausforderung, sagt Dorothee Tönjes. Zwölf Tage hatten sie und ihr Mann für die Strecke zu Fuß geplant, also 20 bis 28 Kilometer am Tag. „Anfangs waren wir sehr euphorisch, wir wollten sogar mehr schaffen, um uns einen halben Strandtag freizuschaufeln, aber irgendwann tun einem einfach Füße und Schultern weh.“

„Mit neun Kilo auf dem Rücken überlegst du dir jedes Paar Socken“, lacht die lebhafte Westfälin. Ihr Diabetes-Equipment hatte sie entsprechend reduziert: Ein Pen für alle Fälle und Ersatz-Insulin für die Pumpe, damit das Reservoir der MiniMed 640G einmal gewechselt werden konnte. Für Extras wie eine Ersatzpumpe war kein Platz. „Kekse und eine Flasche Cola gegen Unterzucker landeten bei meinem Mann, das mussten wir einplanen, um sicher zu gehen.“

Ohne Proviant geht es nicht
In der Fábrica da Catedral do Porto bekam das Paar den ersten Stempel in den Pilgerausweis. Um neun Uhr morgens ging es los. Es war mitten im August und die Temperatur betrug bereits 28 Grad Celcius. Gestört habe das aber nicht. „Man geht ja in moderatem Tempo, nicht so, dass man schwitzt oder außer Atem gerät.“ Die Einstellungen ihrer Pumpe und die Alarmfunktion ihres CGM ließ Dorothee Tönjes unverändert wie im Alltag: Das CGM ist auf eine rechtzeitige Warnung und Abschaltung bei 60 mg/dL programmiert. In diese Richtung entwickelten sich die Werte häufig um die Mittagszeit, nach drei Stunden Wandern. „Da ist eine gute Ausstattung mit Proviant unbedingt empfehlenswert! Das nächste Geschäft kann schon mal 15 bis 20 Kilometer entfernt sein und wenn man Pech hat, ist es geschlossen.“ Dreimal musste Dorothee Tönjes für ein Notfall-Eis oder eine Limo in eine Bar. „Danach waren immer genug Kekse und Cola im Rucksack, um die Zeit bis zum Abendessen in der Unterkunft gegen 19 Uhr zu überbrücken.“ Ansonsten spielte der Körper erstaunlich gut mit: „Mit Pumpe und Sensor hat alles super geklappt, es gab keine weiteren Unterzuckerungen und ich brauchte keine Hilfe. Die Werte waren so gut wie sonst nie und am Ende war da das tolle Gefühl: Ich habe das geschafft! Und eigentlich hätte ich es auch alleine hinbekommen – selbst wenn mein Mann die Cola trug. Das war eine große Genugtuung.“

Wertvolle Erkenntnis
Und noch etwas gesellt sich zu dem guten Gefühl, das Ziel erreicht zu haben: „Man trifft interessante Menschen auf dem Weg: Einheimische, die einem Unterschlupf gewähren, oder andere Pilger, mit denen man ein stückweit gemeinsam läuft. Darunter sind nicht wenige, die schwere gesundheitliche Probleme haben. Das Ziel zu erreichen, hat für sie eine geradezu existenzielle Bedeutung“, erzählt Dorothee Tönjes. So habe es zum Beispiel einen Mann gegeben, der nur noch einen Lungenflügel hatte, und eine Frau, die so schwach war, dass sie vier Wochen für dieselbe Strecke brauchte und, was die Übernachtungen betraf, auf ein maximales Maß an Hygiene angewiesen war. Die Gespräche mit diesen Menschen lösten etwas in ihr aus. Ihren 40. Geburtstag, den sie eigentlich ignorieren wollte – „auch weil ein bisschen Midlife-Crisis im Spiel war“ –, feierte Dorothee Tönjes dann doch: in einem portugiesischen Dorf, in dem gerade ein Kirchenfest stattfand. „Alle tanzten auf der Straße und am Ende war es ein toller Abend mit vielen fröhlichen Portugiesen.“ Irgendwo zwischen dieser Station und ihrem Ziel Santiago de Compostela gewann sie eine wichtige Erkenntnis: „Eigentlich ist mein Diabetes gar nicht so schlimm, dachte ich plötzlich. Ich komme so gut damit zurecht, gehe mit einem 6er-HbA1c durchs Leben, habe noch beide Füße und keine Brille... Ich kann sogar 100 werden!“

Mit diesem Bewusstsein kehrte Dorothee Tönjes nach zwölf Tagen zurück in ihren Alltag mit Job, Pferd und Handballtraining. Und noch etwas nahm sie mit: die Absicht, sich stärker zu vernetzen. Mit Menschen, die wie sie mit hohen Werten zu kämpfen haben und sportlich hochaktiv sind. Gleichgesinnte zu finden, wünscht sie sich vor allem für ihr nächstes Projekt: eine Rucksacktour durch Südamerika. „Ein großes Abenteuer“, sagt sie, „aber es gibt sicher Diabetiker, die das schon gemacht haben.“

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