Was zwischen Theorie und Praxis so alles verloren geht

Ob ich bei jeder Mahlzeit den korrekten Spritz-Ess-Abstand einhalte? Ja, na klar. Also meistens, ich meine ab und zu wirklich – zumindest dann, wenn ich daran denke.

 Was zwischen Theorie und Praxis so alles verloren geht

© Production Perig - Fotolia.com

Und die Infusionssets trage ich auch niemals länger als zwei oder drei Tage – nehme ich mir immerhin jedes Mal vor. Es gibt so viele Vorgaben für das Diabetes-Management und so sehr ich mich auch bemühe: Ich halte selten alle ein. Zum Glück bin ich damit gar nicht so alleine, wie ich lange Zeit dachte.

Vor vielen Jahren ist mir die Bezeichnung „schlechter Diabetiker*in“ begegnet und ich fürchtete sofort, dass ich wohl in diese Kategorie gehöre. Das war, bevor ich Freundschaften mit anderen Menschen mit Diabetes schloss. Es war teilweise sogar der Grund, warum ich solche Kontakte sogar mied. Was, wenn auffliegt, wie undiszipliniert ich manchmal handele?

Das Problem ist, dass wenige Diabetes-Schulungen Sätze wie: „Wenn du das und das nicht oder anders machst, ist es auch nicht so schlimm“, beinhalten. Natürlich zu recht, weil die Schulenden die Verantwortung dafür tragen, dass die, denen sie Regeln und Wissen vermitteln, anschließend gut auf sich aufpassen. Dennoch löste es bei mir die Vorstellung aus, dass andere Menschen mit Typ-1-Diabetes in der Regel alles nach Vorschrift machen. Wenn ich Geschichten über jemanden hörte, der das nicht machte, war es ganz klar Zeit für die „schlechte Diabetiker*in“-Schublade.

Menschen sind unterschiedlich, ich weiß. Manche brauchten strikte Angaben, nach denen sie handeln können. Bei mir löst es hingegen eine innerliche Unruhe aus, wenn ich ausschließlich nach Schema F handeln soll. Trotzdem hatte ich irgendwie das Gefühl, dass das, was mein Behandlungsteam in der Diabetologie sagt, der einzig richtige Weg ist.

Ich kann nicht sagen, wann der Punkt kam, an dem ich mich traute, dazu zu stehen, dass ich kleine Fehler machte – ganz bewusst. Es war keine Energie dafür da, 100% der gestellten Aufgabe zu erfüllen, wenn ich ganz nebenbei auch noch irgendwie Freude am Leben haben wollte. Es wurde ganz offiziell alles ein Versuchen. Das Versuchen, alles richtig zu machen inklusive dem Versprechen, es so gut zu machen, wie ich konnte.

Nach und nach löschte ich also die ‚gut/schlecht‘-Kategorisierung im Bezug auf Fleiß bei der Diabetes-Therapie in meinem Kopf. Seitdem lebt es sich entspannter. Zeitweise so entspannt, dass es plötzlich nicht mehr rund läuft. Dann ist der Punkt gekommen, an dem ich mich dran erinnern muss, dass Diabetes immer auch Arbeit bedeutet und dann bin ich froh, mich an meine Diabetes-Beraterin wenden zu können und sie zu bitten, mich an die mal gelernte Theorie zu erinnern. Oftmals ist dieser nervige Quatsch – wie der Spritz-Ess-Abstand – wirklich hilfreich.

Katharina Weirauch

Zurück

Pumpen-Café Filme